
Mongolei – Reisebericht
Schon die ersten Tage in der mongolischen Steppe fühlten sich an wie ein Übergang in eine andere Wirklichkeit. Die Weite des Landes, der endlose Himmel und die Stille schufen einen Raum, in dem sich der Geist beruhigte und die Wahrnehmung schärfte. Mit dem Ankommen im Jurtencamp begann nicht nur das Praktikum – es begann ein Prozess des Erinnerns an etwas Uraltes.
Das Lernen mit den Meisterschamanen war von Beginn an außergewöhnlich. Khalium Sukhbat und ihre burjatischen und jakutischen Kollegen unterrichteten nicht über Konzepte, sondern über Erfahrung. Jede Begegnung war getragen von Präsenz, Klarheit und einer tiefen Verbindung zur Geistwelt. Die Meister arbeiteten sehr individuell: Jeder Teilnehmer wurde dort abgeholt, wo er in seiner schamanischen Entwicklung stand. Fragen wurden nicht theoretisch beantwortet, sondern durch Rituale, direkte Wahrnehmung und eigenes Erleben.
Das tägliche Training war intensiv und fordernd – körperlich, geistig und energetisch. Ein zentraler Bestandteil war das Studium der verschiedenen Welten: der sichtbaren Welt, der Zwischenwelten und der geistigen Ebenen. Durch ausgedehnte Trommelpraxis, Trancereisen und Spirit Calling lernte ich, meine Verbindung zu meinen Hilfsgeistern zu vertiefen und klarer zu führen. Besonders beeindruckend war, wie selbstverständlich die Meister zwischen den Welten wechselten und uns lehrten, diese Übergänge sicher und respektvoll zu gestalten.
Ein wichtiger Schwerpunkt lag auf Schutzritualen und der Abwehr negativer Einflüsse. In der mongolischen Tradition ist der Schutz vor fremden oder schädigenden Geistern essenziell – für den Schamanen selbst ebenso wie für jene Menschen, mit denen er arbeitet.
Wir lernten spezielle Zaubersprüche, rituelle Handlungen und den Einsatz von Feuer, Rauch und Opfergaben. Diese Rituale waren kraftvoll und präzise. Sie vermittelten nicht nur Sicherheit, sondern auch ein tiefes Verständnis dafür, wie Verantwortung im schamanischen Arbeiten gelebt wird.
Ebenso prägend waren die Reinigungsrituale, die auf mehreren Ebenen wirkten. Alte energetische Anhaftungen, fremde Felder und eigene Blockaden wurden Schritt für Schritt gelöst. Manche Reinigungen erfolgten mit Feuer, andere über die Arbeit mit Spirits oder über traditionelle schamanische Techniken aus der sibirischen Heilkunst. Diese Prozesse waren teilweise herausfordernd, aber stets klar geführt. Nach jeder Reinigung stellte sich ein Gefühl von innerer Weite, Klarheit und Erdung ein.
Der unbestrittene Höhepunkt des Praktikums war das große Schamanenritual, ein uraltes mongolisches Feuerritual, das bis spät in die Nacht andauerte. Dieses Ritual war keine Inszenierung, sondern gelebte Tradition. Die Meisterschamanen führten die Zeremonie mit einer Selbstverständlichkeit, die spüren ließ, dass dieses Ritual seit Generationen – ja seit vielen Leben – weitergegeben wird. In dieser Nacht erlebte ich eine tiefe Initiation: eine klare Ausrichtung auf meinen schamanischen Weg, eine starke Anbindung an meine Spirits und ein Gefühl von Zugehörigkeit zu einer uralten Linie von Wissenshütern.
Neben der schamanischen Arbeit spielte auch das Leben wie die Nomaden eine wichtige Rolle. Die Übernachtungen in Jurten, die Abende am Lagerfeuer, der Ausritt durch die Steppe und die Nähe zur Natur unterstützten die Integration der Erfahrungen. Alles fühlte sich einfach, echt und stimmig an – nichts war überflüssig, nichts fehlte.
Am Ende dieses Praktikums kehrte ich nicht nur mit neuem Wissen zurück, sondern mit einer tiefen inneren Veränderung. Die Arbeit mit den Meisterschamanen hat meine schamanische Praxis auf ein neues Fundament gestellt. Ich habe gelernt, klarer zu führen, verantwortungsvoller zu wirken und meiner eigenen Anbindung zu vertrauen.
Diese Reise war keine Weiterbildung
… sie war eine Initiation, die weit über die Zeit in der Mongolei hinaus nachwirkt.